Ersetzen Personenmarken künftig Medienmarken?

Journalism Summit Die publizistische Verschiebung – Definiert die Creator Economy den Journalismus neu?

Ob auf Instagram, YouTube, TikTok, per Newsletter oder im Podcast: Immer mehr Journalist:innen versuchen, sich mit ihren Inhalten als persönliche Marke zu etablieren, bauen ihr Publikum direkt auf und finanzieren ihre Arbeit über neue Wege, sei es durch Plattformen, Partner, Community oder Crowdfunding.

Wie sehr Personenmarken den Journalismus künftig prägen werden, darüber haben Expert:innen beim Journalism Summit im Rahmen der MEDIENTAGE MÜNCHEN diskutiert.

„Definiert die Creator Economy nach und nach den Journalismus neu?“ Diese konkrete Frage versuchte Dr. Marc-Christian Ollrog, Professor für Journalistik an der Ostfalia Hochschule für angewandte Wissenschaften, in seinem Impulsvortrag zu beantworten. Als Grundlage diente eine Studie, die er zusammen mit Megan Hansich, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Öffentliche Kommunikation der Ostfalia Hochschule, durchgeführt hat. Dass die Creator Economy den Journalismus neu definiert, habe Folgen. Die vor allem an Reichweite oder Abo-Conversions orientierte Inhalteproduktion führe zu einem „Verlust der Recherchetiefe“, sagte Ollrog. Des Weiteren verliere die Chronisten-Funktion des Journalismus an Bedeutung. Eine weitere These: Journalist:innen arbeiten angesichts von Multikrisen ständig unter Anspannung. „Diese ist ein massives Problem, denn die Mitarbeitenden in den Redaktionen stehen unter Dauerfeuer“, sagte der Medienprofessor. Trotzdem gebe es erfreulicherweise eine „unverändert hohe Identifikation der Journalist:innen mit ihrem Job – allen Widrigkeiten zum Trotz“.

Eine zentrale These aus der neuen Studie lautet: Personenmarken werden wichtiger. Und eine solche war zum Panel geladen: Paul Ronzheimer, stellvertretender Chefredakteur von Bild und Host seines Podcasts „Ronzheimer“. Der Journalist und Kriegsreporter beleuchtet mehrmals pro Woche innen- und außenpolitische Themen. Er bietet Interviews und Analysen, erklärt die Hintergründe. „Mein Podcast steht für Haltung“, sagte Ronzheimer. Und er sei dabei ehrlich genug, nur über Sachverhalte zu sprechen, von denen er selbst etwas verstehe. Ansonsten hole er sich Expert:innen ins Studio, die besser im Thema seien. Die Zuhörenden schätzte ihn für seine Unvoreingenommenheit. Für ihn sei dies das größte Kompliment. Auf die Frage der Moderatorin Yasmine M’Barek, Autorin bei Die Zeit, wo er die Grenze ziehe, um die journalistische Distanz zu wahren, sagte Ronzheimer: „Es geht immer darum, das Vertrauen nicht auszunutzen und die Gesprächspartner nicht zu verarschen. Die merken sich das, wenn du Inhalte aus einem privaten Gespräch veröffentlichst. Auch noch zwanzig Jahre danach.“

Das Beispiel des Podcasts von Paul Ronzheimer zeigt auch, wie sich die etablierten Medien aufgrund weiterer Ausspielmöglichkeiten verändern. „Es braucht heute kein Medienhaus mehr im Rücken, um ein Buch, einen Podcast oder einen Newsletter zu veröffentlichen“, sagte Sebastian Esser, Gründer und Geschäftsführer von Steady, einer Creator-Plattform, die es Journalist:innen, Podcaster:innen und Blogger:innen ermöglicht, ihre Arbeit über monatliche oder jährliche Mitgliedschaften von ihrer Community finanzieren zu lassen. „Wir sammeln wie ein Schneepflug ein, was etablierten Medien wegbröselt“, freute sich Esser.