Pressenews #MTM19
24. Oktober 2019

Die Highlights der MEDIENTAGE 2019

Markus Söder hat die MEDIENTAGE MÜNCHEN 2019 mit einem Aufruf an die Medien und mit einer ordentlichen Portion Selbstkritik eröffnet: Bayerns Ministerpräsident forderte, die Medienpolitik müsse schneller auf technologische Entwicklungen reagieren. Söder empfahl den Anbietern im Sinne des Mottos der #MTM19Next digital level – Let´s build the media we want„, dringend neue Wege zu gehen und die Medienlandschaft der Zukunft aktiv mitzugestalten: „Wenn eine Welle da ist, muss man sie reiten und nicht warten, bis andere es tun.“ Vor allem, da große US-Digitalkonzerne in weite Bereiche der klassischen Medien vorgedrungen seien.  

Die Idee der europäischen Plattform

Bayerns Ministerpräsident Markus Söder bei den #MTM19.

Bayerns Ministerpräsident Markus Söder bei den #MTM19.

Die Idee einer „starken gemeinsamen Plattform“ europäischer Medienanbieter griff Siegfried Schneider, Präsident der Bayerischen Landeszentrale für neue Medien (BLM), auf. Er befürwortete in seinem Grußwort die Schaffung einer „Medien- und Kulturplattform“. Bayerns Medienminister Dr. Florian Herrmann vertiefte diese Idee beim Europatag der BLM und des EMR. Er schlug vor, zügig Mechanismen zu schaffen, die die wirtschaftliche Entwicklung von Medien fördern, zugleich aber einseitige Meinungsmacht durch Algorithmen und Künstliche Intelligenz verhindern würden. „Ich denke hier vor allem an die Regulierung von Plattformen, die bislang nur Inhalte bestimmten Kategorien zuordnen und nicht in Kontexte einordnen“, sagte Herrmann. Eine europäisch geprägte, crossmediale Kultur- und Medienplattform könne die Demokratie insgesamt stärken.

Dr. Florian Herrmann.

Dr. Florian Herrmann.

Die von Medienminister Herrmann geschilderten Risiken sah Zeynep Tufekci vor allem bei jungen Zielgruppen, die beispielsweise Googles Videoplattform YouTube zur Informationssuche nutzen. Die kritische US-Technosoziologin stellte in ihrer Keynote bei den MEDIENTAGEN 2019 die Frage: Können wir es verantworten, dass die Wissensbasis für den öffentlichen Diskurs zukünftig allein durch Algorithmen bestimmt wird, die auf Unmengen von Daten und Machine Learning basieren? Tufekci will soziale Plattformen zwar keineswegs aus unserem Alltag verbannen. Sie plädierte indes in München ebenfalls dafür, Alternativen zu schaffen, um die Privatsphäre zu schützen und um einen Wissensaustausch auf gleicher Ebene zu ermöglichen.

Keynote-Speakerin Zeynep Tufekci.

Keynote-Speakerin Zeynep Tufekci.

Ins selbe Horn stieß Prof. Dr. Julian Nida-Rümelin, Philosoph, Autor und Staatsminister a.D.. Er referierte im Rahmen der MEDIENTAGE über ethische Aspekte der Kommunikation in der digitalen Welt. „Wir brauchen ein öffentlich-rechtliches Google.“ Schließlich sei es das erste Mal in der Geschichte der Industrialisierung, dass „wir es zugelassen haben, dass Infrastruktur und technische Entwicklung fast ausschließlich vom Kommerz geprägt wird und sich in den Händen von einigen wenigen Großkonzernen befindet“.

Was tun gegen Hate Speech?

Klar ist: Bei Facebook, Twitter, YouTube und Co. blüht der Hass. Großen Raum nahm bei den #MTM19 die Diskussion um Hate Speech ein – und um die Gefahr, dass digitaler Hass zu analoger Gewalt führen kann. Die Angst vor Hasskommentaren hält auch viele Politiker davon ab, im Social Web aktiv zu werden. Die Fraktionsvorsitzende Bündnis 90/Die Grünen im Bayerischen Landtag, Katharina Schulze, plädierte dafür, dass der Online-Bereich genauso gehandhabt werden sollte wie das echte Leben. Zuvor hatten BLM und das Bayerische Staatsministerium der Justiz die Initiative „Justiz und Medien – konsequent gegen Hass“ gestartet. Das Projekt ermöglicht ab sofort effiziente Täterverfolgung. Das Bundeskabinett geht ebenfalls stärker gegen Netz-Hass vor, ein entsprechendes Paket ist beschlossen.

Auch sei in der aktuellen Wahrheits- und Wissenskrise Desinformation ein gefährliches Phänomen, das immer wieder auch Menschenleben koste, warnte Prof. Dr. Bernhard Pörksen in einem Vortrag. Der Wissenschaftler forderte, Plattformbeiräte zu installieren und die Unternehmen zu Transparenz zu verpflichten. Auf dem Weg von der digitalen zur redaktionellen Welt sollten darüber hinaus die Maximen des guten Journalismus gelten.

Die Sozialen Netzwerke und ihre Nutzer lernen dazu, wie sich beim Social Media Track presented by Facebook zeigte: Nicht kurze dramatische Inszenierungen scheinen inzwischen gefragt, sondern Geschichten, die in einem glaubwürdigen Konzept eingebunden sind und in langfristigen Projekten gepflegt werden. Hinzu kommt: Junge Leute sind politisch interessiert, doch mit etablierten Medien nicht mehr zu erreichen. Tilo Jung als Chefredakteur des YouTube-Formates Jung & Naiv stellte fest: „Die junge Generation ist nicht Politik-, sondern Politiker-verdrossen.“

Was Inhalteanbieter bewegt

Die Inhalteanbieter müssen sich generell gegen die große Digitalkonkurrenz aus den USA positionieren. Beim TV-Gipfel gab der verantwortliche Produzent James Farrell für den Giganten Amazon Prime die weitere Wachstumsstrategie preis: Die Streamingplattform konzentriert sich bei internationalen Anstrengungen auf Formate und Inhalte, die in den jeweiligen Ländern noch nicht angeboten werden.

Die MTM-Teilnehmer aus der Fernsehbranche zeigten sich dennoch optimistisch. Vox-Chef Sascha Schwingel etwa betonte: „Noch nie konnte man einen Inhalt so konsequent umsetzen.“ Doch der Run auf den Bewegtbildmarkt lockt weitere Player an. Darunter ist auch der US-Investor KKR, der hinter dem neu formierten Content-Riesen Leonine unter der Führung des erfahrenen TV-Managers Fred Kogel steht.

Nahrung bekommen die vielfältigen Expansionspläne durch das veränderte Zuschauerverhalten. Die Medienanstalten stellten im Rahmen der MEDIENTAGE den aktuellen Digitalisierungsbericht Video 2019 vor. Er bestätigte weiterhin eine deutliche Verschiebung weg von der Nutzung des klassischen Fernsehens hin zu Video on Demand (VoD).

Die Trends beim Hören

Der Audio Summit im Rahmen der MEDIENTAGE 2019.

Der Audio Summit im Rahmen der MEDIENTAGE 2019.

Amazon indes beschäftigte auch die Audio- und Radiobranche bei den 33. MEDIENTAGEN. Alexa und die wachsende Zahl sprachgesteuerter Assistenten präsentieren bei der Auswahl der auf Hörerwünsche ausgerichteten Inhalte bevorzugt eigene Inhalte, wodurch Radioprogramme ins Hintertreffen geraten. Obwohl deutsche Audio-Experten diese Entwicklung kritisieren, prognostizieren die Teilnehmer beim Audio-Summit @MTM19 für alle Formen von Hörproduktionen weiterhin hohe Wachstumsraten und steigende Nachfrage in verschiedensten Zielgruppen.

Laut Steve Boom, Global Vice President von Amazon Music, auch aufgrund neuer Geräte und Abspielmöglichkeiten sowie Entwicklungen rund ums Setting „Auto“. Er riet den klassischen Anbietern: Radiostationen müssten lernen, mit neuen Technologien zu arbeiten und ihre Alleinstellungsmerkmale wie Lokalität damit in Einklang zu bringen.

Spannendes Finale der#MTM19

Mit Juan Moreno ging die dreitägige Konferenz zu Ende. Der Spiegel-Reporter hatte die Arbeit seines ehemaligen Kollegen Claas Relotius misstrauisch hinterfragt und ihn als „genialen Lügner“ entlarvt.

Als Moreno sich am Freitagnachmittag auf der Main Stage der #MTM19 zum Interview mit Richard Gutjahr einfand, war klar, dass Relotius mit einer Unterlassungsklage gegen Morenos Buch „Tausend Zeilen Lüge“ vorzugehen versucht.

Juan Moreno im Gespräch mit Richard Gutjahr auf der Main Stage der MTM19.

Juan Moreno im Gespräch mit Richard Gutjahr auf der Main Stage der MTM19.

Moreno verteidigte bei den MEDIENTAGEN seine Recherchen im „Fall Relotius“. Der Spiegel-Reporter betonte auch, es sei falsch, Journalismus als ein System der Manipulation zu betrachten. Dennoch: Die Rivalität um große Geschichten sei nicht förderlich für eine möglichst objektive Berichterstattung. Und es sei natürlich absurd, Lügen und Fehler von Journalisten generell auszuschließen.

Hier finden Sie alle Pressemeldungen von den MEDIENTAGEN. Fotos zu den einzelnen Panels gibt es im Programm und Impressionen darüber hinaus in der Mediathek – natürlich auch von der Nacht der Medien. Die Nachlese zu den #MTM19 finden Sie in unserem Storytile-Liveblog.

Deutsch