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Blockchain: Vertrauensmaschine oder Hype?

Die Technologie, auf der auch die Kryptowährung Bitcoin beruht, ist nicht neu. Doch Unternehmer erkennen erst langsam, wie vielfältig sie sich einsetzen lässt. Könnte sie auch die Medienbranche revolutionieren?   

Von Julia Ley

„Wir überschätzen immer die Veränderung, die in den nächsten zwei Jahren stattfindet“, soll Microsoft-Gründer Bill Gates einmal gesagt haben. „Und unterschätzen, was in den nächsten zehn passiert.“ Genauso könnte es auch der Blockchain ergehen, glaubt Robert Jacobi, Managing Partner und Gründer der Nunatak Group. Die Bank of England nannte die Technologie schon 2014 eine „bedeutende Innovation“, die „weitreichende Auswirkungen“ in der Finanzindustrie haben könnte. Der britische Economist sprach 2015 von einer „Trust Machine“, die „Wahrheit herstellen und bewahren könnte“. Und heute, im Sommer 2018? Jacobi wirft ein Diagramm an die Wand. Es zeigt den sogenannten Gartner Hype-Zyklus, eine Theorie dazu, wie sich Technologie-Hypes entwickeln. Blockchain hat den „Gipfel der überzogenen Erwartungen“ schon überschritten. Es folgt das „Tal der Enttäuschung“. Kaum jemand glaubt jetzt noch, dass etwa die Blockchain-basierte Kryptowährung Bitcoin demnächst das globale Finanzsystem ablösen wird – doch die Technologie dahinter könnte durchaus noch wichtig werden. Wenn wir erkennen, was sich damit sonst noch alles machen lässt.  

Doch was ist diese viel beschworene Technologie, die spätestens seit dem Bitcoin-Boom in aller Munde ist? Welche Anwendungen gibt es in der Medienbranche? Für wen lohnt es sich, jetzt schon zu investieren? Und welche Risiken gehen Unternehmer damit ein?

Peter Wiedmann, Mitgründer des Deloitte Blockchain Institutes, definiert Blockchain als „ein Netzwerk aus Computern, in dem sämtliche Nutzer mittels direkter Kommunikation verschiedene Dinge austauschen können“. Das Fraunhofer Institut spricht in einem Bericht aus dem Jahr 2016 von einem elektronischen „Register für digitale Datensätze, Ereignisse oder Transaktionen“. Beides ist zutreffend. Die Blockchain ist eine Software, die auf allen Rechnern eines Netzwerks gespeichert wird. Sie besteht aus einem digitalen Register, das alle Transaktionen innerhalb des Netzwerks von Beginn der Aufzeichnung speichert. Wird an einer Stelle etwas daran verändert, lässt sich das auf allen Rechnern nachvollziehen. Betrug ist so gut wie unmöglich.   

Alles begann mit einem Artikel im Jahr 2008. Ein gewisser „Satoshi Nakamoto” – Pseudonym des bis heute nicht identifizierten Erfinders der Bitcoin-Währung – stellte in einem Artikel seine Idee für eine „purely peer-to-peer“-Kryptowährung vor: Geld konnte so direkt vom einer Person auf eine andere übertragen werden. Der Mittelsmann fiel weg. Statt einer Bank garantierte das Programm selbst die Vertrauenswürdigkeit der Beteiligten: Das Register besteht aus chronologisch miteinander verbundenen Datensätzen („Blöcken“). Die Blöcke greifen durch komplizierte Verschlüsselungsverfahren so ineinander, dass jeder neueste Block die Informationen aller bisherigen Transaktionen enthält – daher der Begriff „Blockchain“ –> Blockkette.

Will etwa Marie an Peter fünf Bitocins überweisen, müssen beide dafür sogenannte „Wallets“ besitzen, also in das System eingebunden sein. Die Software überprüft nun anhand des Registers, dass Marie tatsächlich über die gewünschten fünf Bitcoins verfügt. Sieht alles gut aus, wird die Transaktion akzeptiert, Maries Kontobetrag verringert sich, Peters erhöht sich. Zusammen mit anderen geprüften Transaktionen wird diese Information als neuer „Datenblock“ in die Kette eingefügt. Sowohl Maries Identität als auch der Wert der Transaktion sind für andere Nutzer nicht ersichtlich. Denn jede Transaktion wird in einen sogenannten „Hash“ verwandelt, einen einzigartigen Code aus Zahlen und Buchstaben, der sich seinerseits aus Informationen über vorangegangene Transaktionen zusammensetzt. Die Verschlüsselung gleicht einer Einbahn-Straße: Es ist einfach, aus den Daten einen „Hash“ zu erstellen; vom „Hash“ auf die Daten zu schließen hingegen fast unmöglich.

Die „Hashs“ verschiedener Transaktionen werden dann kombiniert und ergeben gemeinsam die Bezeichnung für einen neuen Datenblock, der in die Kette eingefügt werden soll. Um diese Bezeichnung zu finden, ist ein kompliziertes Rechenrätsel zu lösen, das viele Daten verbraucht und heute fast nur noch von spezialisierten Rechnern in sogenannten Pools ausgeführt werden kann. Der Prozess wird „mining“ genannt, zu Deutsch „schürfen“. Weil sich mit jedem neu geschürften Block – oder im Fall von Bitcoin mit jedem neuen „Coin“ – Geld verdienen lässt, haben alle Beteiligten ein Interesse daran, schneller zu sein als die anderen und neue Bitcoins zu „schürfen“. Da jedoch nie klar ist, wer das Rätsel zuerst lösen wird, ist das System fast unmöglich zu hacken. Ein weiteres Element der Sicherheit: Jeder neue Block ist durch den „Hashing“-Prozess mit allen vorherigen Blöcken verwoben. Daten sind dadurch nahezu unveränderlich gespeichert.
 

Quelle: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Blockchain_workflow.png | By B140970324 [CC BY-SA 4.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0)], from Wikimedia Commons


 

Welche Anwendungen gibt es in der Medienbranche?

Es ist kein Wunder, dass Befürworter der Technologie ihre Vorteile loben: Wichtige Daten könnten so sicher, kostengünstig und transparent gespeichert werden. Nicht nur für Banken ist das interessant, auch Immobilienregister könnten so geführt werden. Startups träumen davon, mit Blockchain die Sharing Economy zu revolutionieren: Gebrauchsgegenstände wie Rasenmäher, Autos und vieles mehr könnten so direkt verliehen werden, von Besitzer zu Nutzer. Bisher brauchte es dazwischen immer einen Mittelsmann, der die Transaktion prüft, genehmigt – und ein stattliches Honorar verlangt. Die Gebühren, die Banken, aber auch Firmen wie Drive Now oder AirBnB, für ihre Dienste verlangen, könnten dann wegfallen. Die Automatisierung, sagen Befürworter, mache das System außerdem weniger fehleranfällig: Der „menschliche Faktor“ fällt weg. Ganz nebenbei könnte die Blockchain das über 500 Jahre alte System der doppelten Buchführung ablösen.

Doch für wen lohnt es sich in die neue Technologie zu investieren? Robert Jacobi von Nunatak hat dafür eine Faustregel aufgestellt. Immer dann, wenn einer der drei folgenden drei Fälle zutrifft:

  1. Wenn Mittelsmänner einen größeren Anteil an der Wertschöpfung beanspruchen, als ihre Leistung rechtfertigt;
  2. Wenn ein Vertrauensproblem herrscht, weil Informationen ungleich verteilt und/oder nicht verifizierbar sind;
  3. Wenn ein Effizienzproblem besteht, weil Transaktionen zu kleinteilig oder unrentabel für kommerzielle Anbieter sind.

Es ist nicht schwer zu erkennen, warum ausgerechnet die Branche die neue Technologie als erstes aufgegriffen hat, für die sie die größte Disruption bedeuten könnte: Die Finanzbranche. Überweisungen müssen heute von einem zentralen Mittelsmann überprüft und gewährleistet werden. Verschiedene Finanzinstitute müssen Register miteinander abgleichen, manchmal dauert das Tage. Mit Blockchain fiele all diese Arbeit weg, die Einsparungen wären enorm. In New York haben sich unter dem Namen „R3“ mehr als 50 internationale Finanzdienstleister unter dem Dach eines US-FinTechs zusammengeschlossen, um zu erforschen, wie die Technologie für die Branche nutzbar ist und welche Standards und Regulierungen dafür notwendig sind.

R3 ist schnell gewachsen, heute gehören dem Verbund mehr als 200 Unternehmen aus allen möglichen Branchen an, die alle in der Blockchain eine Chance sehen. Sebastian Becker, CSO von Riddle & Code, etwa träumt davon mit der Blockchain das Internet of Things zu revolutionieren. Riddle &Code stellt spezielle Chips her, anhand derer sich auch reale Objekte in die Blockchain aufnehmen lassen. Mit den Chips lässt sich die Echtheit eines Produkts verifizieren. Kunden könnten so sichergehen, dass sie keine Fälschung kaufen. Im Einzel- oder Textilhandel könnten damit ganze Lieferketten dokumentiert werden. Der Sicherheitschef des US-Einzelhändlers Walmart, Frank Yianna, hat das auf einer Aktionärsversammlung bereits vor über einem Jahr einmal sehr eindrücklich vorgeführt. Er legte seinen Mitarbeitern eine Packung geschnittene Mangos auf den Tisch und bat sie herauszufinden, wo sie geerntet wurden. Ein ganzes Walmart-Team brauchte fast sieben Tage, um das zu recherchieren. Eine von IBM entwickelte Blockchain legte die ganze Lieferkette in Sekunden offen.
 

 
 
Doch hat die Blockchain auch Anwendungen, die für Medienunternehmer nützlich sein könnten? Eugen Nussbaum vom TV-Sender „Welt der Wunder“ ist sich sicher, dass das so ist. Er und seine Kollegen arbeiten an einer Plattform, die den Handel mit Bild- und Videomaterial revolutionieren will. Bisher leiden viele Hersteller unter dem Problem, dass sie kaum überblicken können, mit welchen Abnehmern sie welche Nutzungsverträge geschlossen haben. Werden Lizenzen international vergeben, wird es noch komplexer, denn rechtliche Standards sind weltweit sehr unterschiedlich. Umso schwieriger ist es, die Einhaltung der Verträge zu überprüfen. Nutzt ein Käufer Material länger oder häufiger als erlaubt, lässt sich das für den einzelnen Fotografen oder Videoproduzent kaum überprüfen, sogar große Agenturen wie Reuters oder die dpa tun sich schwer. Mit Blockchain könnte das Chaos ein Ende haben: Einmal auf die Plattform hochgeladen, wird der Content mit einer Lizenz in Form eines vereinfachten Smart Contracts versehen. Der Vertrag wird in der Blockchain abgespeichert. Das besondere daran: Smart Contracts automatisieren die Umsetzung. Das Programm sperrt die Nutzung, wenn ein Abnehmer mit seiner Zahlung hinterherhinkt. Oder es bucht automatisch einen Betrag ab, sobald Content genutzt wird. Dank der Blockchain-Technologie ist das sogar bei Kleinstbeträgen möglich.

Gerade im Bereich Lizenzen und Werbung könnte die Blockchain die Effizienz der Medienbranche steigern, so viel scheint klar. Doch könnte sie auch ein viel größeres Problem lösen? Könnte sie den Menschen in Zeiten von Fake News und Lügenpressevorwürfen Vertrauen zurückgeben? Robert Jacobi findet, es ist zumindest einen Versuch wert. Er befasst sich als Medienanalyst und -strategist schon länger mit der Blockchain und ist bei seinen Recherchen auch auf das Projekt „Civil“ gestoßen – ein US-Medien-Startup, das den Journalismus revolutionieren will. Civil baut eine Plattform, auf der User und Producer direkt miteinander interagieren und für Content bezahlen können.

Ein Blockchain-Mechanismus sorgt dafür, dass alle Artikel gespeichert werden und keine Informationen verloren gehen. Verstößt ein „Newsroom“ auf der Plattform wiederholt gegen die Ethikrichtlinien, die alle Producer unterschreiben, können die anderen Mitglieder ihn aus dem System raus-voten. In Zukunft will Civil sogar den Prozess der Recherche auf einer Blockchain ablegen: Jedes Telefonat, jedes Interview, jede besuchte Webseite könnten dann dort gespeichert werden. Allerdings, das sagt Jacobi auch, die Informationen in der Blockchain haben eben nur den Wert, den die Gesellschaft ihnen beimisst. Soll heißen: Wenn keiner mehr Wert auf Fakten legt oder bestimmte Akteure gezielt Falschinformationen verbreiten, dann kann daran auch die Blockchain nichts ändern. Sie kann höchstens einen Raum schaffen, in dem sich die Teilnehmer auf ein bestimmtes Vorgehen einigen, das alle als vertrauenswürdig anerkennen – indem zum Beispiel Medienunternehmen, die ihre Quellen ablegen, ein Zertifikat erhalten und von anderen Teilnehmern des Netzwerks bewertet werden.

Auch den absoluten Wahrheitsgehalt einer Information kann die Blockchain nicht garantieren. Wenn mich ein Gesprächspartner im Interview belügt, dann fällt das auch der Blockchain nicht auf. Auch eine Fakenews-Story kann in die Blockchain geladen und damit mit dem Siegel der Vertrauenswürdigkeit versehen werden. All das würde die Technologie nicht merken. Sie würde aber merken, wenn nachträglich jemand versucht, eine Information zu verändern. Gerade in Ländern, in denen Zensur ein Problem ist, könnte das viel verändern. Andererseits hat der Journalismus schon heute das Problem, dass es eher ein „zu viel“ an Informationen gibt, als ein „zu wenig“. Die Aufgabe von Journalisten ist es, aus der Überflutung die wirklich wichtigen Geschichten herauszufiltern. Das Problem wird nicht unbedingt leichter, wenn irgendwann auch noch jedes Telefonat, jeder Blick auf eine Website in einer Blockchain abgelegt ist.   

Eine Lösung für die Vertrauenskrise im Journalismus ist die Blockchain für sich genommen also sicherlich nicht. Aber sie könnte Prozesse effizienter machen und zu mehr Transparenz beitragen. Am Ende ist es doch so, sagt Jacobi deshalb zum Abschluss des Gesprächs. „Die Blockchain ist im Grunde eine Autobahn.“ Sie ist, wie die meisten Technologien, moralisch neutral. Und kann deshalb für gute und schlechte Zwecke genutzt werden. Letztlich ist es deshalb die Aufgabe von Politikern, Unternehmern, Aktivisten und Journalisten dafür zu sorgen, dass sie möglichst gewinnbringend für alle genutzt wird.  

 Das Thema Blockchain ist ein Schwerpunkt der MEDIENTAGE 2018 – weitere Infos hier.
 

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